Kurt E. Becker (Hrsg.)
Minderheiten in Deutschland
Der Holocaust wirft seinen finsteren, langen Schatten auch in die deutsche Gegenwart. Das Verhältnis der Deutschen zu ihren Minderheiten bleibt, ob wir dies wollen oder nicht, über alle Zeiten hinweg durch die Nazi-Gräuel belastet. Die Hypothek unserer Vergangenheit ist untrennbar verbunden mit der je aktuellen Frage nach dem Verhältnis der Deutschen zu den hierzulande lebenden Minderheiten. »Wehret den Anfängen aller Diskriminierung« lautet deswegen die Forderung an all jene, die Bürger dieses Staates und Angehörige dieser Gesellschaft sind.
Vor dem Hintergrund einer schwerwiegenden historischen Dimension, und damit aber auch begleitet von einem gesellschaftspolitischen Imperativ, wird in Worms bei den Nibelungen-Festspielen »Die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß« aufgeführt. Damit in den Fokus des Interesses rückt unser Verhältnis zu der Minderheit der in Deutschland lebenden Juden, aber auch zu den Minderheiten von Sinti und Roma, Türken, Indern oder Iranern – und nicht zu vergessen auch die Frage unseres Umgangs mit Behinderten in dieser Gesellschaft. Das übergreifende Thema also auch der Geschichte des »Jud Süß« konzentriert sich in der Frage nach dem Verhalten der Mehrheit gegenüber den Minderheiten – konkret: Wie ist unsere Einstellung gegenüber Minderheiten in Deutschland?
Ein Bestandteil des Herangehens an das Leitthema der Nibelungen-Festspiele 2011 ist auch dieses Buch, in dessen Mittelpunkt folgerichtig eine Repräsentativ- und Expertenbefragung, deren Ergebnis und Bewertung im gesamtgesellschaftlichen Kontext stehen. Komplettiert wird dieser erste Band der »Nibelungen-Edition« durch Erfahrungs- und Erlebnisberichte von Angehörigen in Deutschland lebender Minderheiten, Lebensentwürfe und Schicksale somit, wie sie unterschiedlicher, beeindruckender und unter die Haut gehender kaum sein können.m Jahr der 2000. Wiederkehr der Varusschlacht ist die These von Arminius als historischem Vorbild Siegfrieds erneut gern benutzt worden, um deutsche Identität zu konstruieren. In der nationalistischen Wissenschaft und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts ist das keine neue, wohl aber eine absichtsvolle Deutung. Sie fußt auf der Wiederentdeckung der Tacitusschriften in der Renaissance. Im hohen Mittelalter, aus dem das Nibelungenlied stammt, war Arminius unbekannt. Wie die nicht-römischen Zeitgenossen ihn sahen und überlieferten, ist nicht überliefert. Insofern diente und dient er ebenso wie die literarische Figur des Siegfried als Projektionsfläche für Sehnsüchte nach kollektiven Leitbildern, immer verbunden mit der Frage nach Deutschland als Nation. Dass man diese Frage auch ganz anders beantworten könnte, ist nicht Thema dieses Buches, aber dass die Arminius-Siegfried-These ein nicht ungefährlicher Irrweg ist, das wird ausgeführt und könnte immerhin dazu führen, andere Antworten zu suchen und zu finden.
Inhalt
Kurt E. Becker Assimiliert, integriert, diskriminiert? Minderheiten in Deutschland 2011
Kurt E. Becker Eigens und Fremdes. Menschenrechte im Spannungsfeld von Mehrheit und Minderheit
Kurt E. Becker »Jud Süß«. Drei Fragen an Dieter Wedel
Joshua Sobol Suess as the personification of a minority
Ursula Feist/Hans-Jürgen Hoffmann Einstellungen gegenüber Minderheiten in Deutschland. Ergebnisse einer telefonischen Repräsentativerhebung
Aribert Heyder Antisemitismus aus empirisch-wissenschaftlicher Perspektive. Eine Bestandsaufnahme der letzten Jahre
Romani Rose Sinti und Roma als Bürger dieses Staates. Eine Minderheit zwischen politischer Anerkennung und alltäglicher Diskriminierung
Richard Steel Es ist normal, eine Minderheit zu sein. Behinderung, Gesellschaft und Gemeinschaft
Volker Gallé Minderheiten in Worms. Geschichte und politisch-kulturelle Strategie
Ömer Bozkaya Gemeinsame Werte finden
Lea Faal Aramäisches und Deutsches als Symbiose
Anonymus Integriert in Deutschland?
Hakan Vural Erfolgreich auf schmalem Grat
Özgür Gökce Assimiliert, integriert, diskriminiert?
Gauri Blomeyer Meine deutsches Abenteuer. Eine Inderin in Berlin
Suzanne Granfar »Fremde« in Deutschland: Zwischen Hamburg und Haiti
Sousan Krüger Ich bleibe eine Perserin
Ayuk Ako Eine Afrikaner in Deutschland
228 Seiten
25 Diagramme, 4 Tabellen
Broschur
1. Auflage 2011
Worms-Verlag
978-3-936118-23-0
